Das Projekt beschreibt Wandlungen der Strafverteidigung in ihrem gesellschaftlichen Kontext. Daran anknüpfend werden theoretische Voraussetzungen für eine Strafverteidigung auf der Grundlage rechts- und staatskritischer Systemtheorie diskutiert.

Das The­ma Straf­ver­tei­di­gung rückt in Deutsch­land wie­der ver­stärkt in den Blick­punkt der Grund­la­gen­for­schung. Da­bei er­ge­ben sich wich­ti­ge Fra­gen nach ge­ne­rel­len Ver­än­de­run­gen in der Straf­ver­tei­di­gung. Im Er­geb­nis las­sen sich drei grund­le­gen­de Wand­lun­gen als his­to­ri­sche Ent­wick­lungs­li­ni­en er­ken­nen, die ins­be­son­de­re seit den 1970er Jah­ren zu be­ob­ach­ten sind:

Ers­tens der Wan­del des We­sens der Straf­ver­tei­di­gung, der in der Si­che­rung und Ga­ran­tie der Frei­heit der Ad­vo­ka­tur als ei­ner grund­le­gen­den Er­run­gen­schaft des frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­schen Rechts­staa­tes be­steht. Ob­wohl die­ser sich auch fak­tisch durch­ge­setzt hat, exis­tie­ren wei­ter­hin ernst­haf­te Ge­fähr­dun­gen die­ser Er­run­gen­schaft. Des­halb ist zu be­to­nen, dass dem Straf­ver­tei­di­ger al­les er­laubt sein muss, was nicht durch Ge­setz ver­bo­ten ist. Zwei­tens die ste­tig wach­sen­de Pro­fes­sio­na­li­sie­rung, et­wa durch Spe­zia­li­sie­rung des an­walt­li­chen Fach­wis­sens. Ei­ne zu­neh­men­de In­ter­na­tio­na­li­sie­rung und Eu­ro­päi­sie­rung von Straf- und Straf­ver­fah­rens­recht ist oft nur noch mit ho­her Pro­fes­sio­na­li­sie­rung zu meis­tern und be­deu­tet da­her ge­wich­ti­ge Her­aus­for­de­run­gen für die Straf­ver­tei­di­gung. Drit­tens ein sich seit den 1970er Jah­ren voll­zie­hen­der Funk­ti­ons­wan­del. Die bis da­hin vor­herr­schen­de „klas­si­sche“ Straf­ver­tei­di­gung wur­de zu­neh­mend durch ei­ne „mo­der­ne“, „fle­xi­bi­li­sier­te“ und „glo­ba­li­sier­te“ Straf­ver­tei­di­gung ab­ge­löst. Die­se un­ter­liegt ei­ner Rei­he von Ein­fluss­fak­to­ren, u.a. (kri­mi­nal)po­li­ti­schen, so­zio­öko­no­mi­schen, me­dia­len und di­gi­ta­len. Sie fin­den ih­ren Aus­druck in ver­än­der­ten ma­te­ri­ell- und ver­fah­rens­recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen. Me­ta­pho­ri­sche Zu­stands­be­schrei­bun­gen sind da­für u.a.: „Har­mo­ni­sie­rung und kauf­män­ni­sches Ver­hal­ten statt Kon­flikt­ver­tei­di­gung“. „Mo­der­ne“ Straf­ver­tei­di­ger agie­ren auf ganz un­ter­schied­li­chen al­ten wie neu­en, teil­wei­se mit­ein­an­der ver­wo­be­nen Tä­tig­keits­fel­dern und neh­men di­ver­gie­ren­de Rol­len ein. Der im Zu­sam­men­hang mit der RAF-Ver­tei­di­gung in den 1970er Jah­ren ent­stan­de­ne kon­flikt­freu­di­ge und kon­flikt­su­chen­de „neue Typ“ des Straf­ver­tei­di­gers er­scheint zu­neh­mend fra­gil.

Rechts­his­to­risch aus­grei­fend und mit ei­nem An­satz so­zi­al­wis­sen­schaft­li­cher Pro­fes­sio­na­li­sie­rungs­for­schung ver­bun­den ist die Er­kennt­nis, dass Wand­lun­gen der Straf­ver­tei­di­gung den Ver­än­de­run­gen in den Ver­hält­nis­sen von Kul­tur, Herr­schaft und Wirt­schaft, ge­sell­schaft­li­cher Ar­beits­tei­lung und Schich­tung fol­gen. Die kon­kret-his­to­ri­schen Be­din­gun­gen de­ter­mi­nie­ren auch den je­weils ih­nen ge­mä­ßen Straf­ver­tei­di­ger. Von dem Stand­punkt aus, dass die ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se kri­tisch zu hin­ter­fra­gen sind, er­gibt sich die Auf­ga­be, den Typ ei­nes kri­ti­schen Straf­ver­tei­di­gers für die Be­wäl­ti­gung der ge­gen­wär­ti­gen und zu­künf­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen nä­her zu be­stim­men. Da­zu ist es er­for­der­lich, das Ver­hält­nis von Straf­ver­tei­di­gung und Rechts­kri­tik im Rah­men ei­ner kri­ti­schen Sys­temtheo­rie zu un­ter­su­chen.

Die fol­gen­den grund­le­gen­den We­sens­merk­ma­le ei­nes kri­ti­schen Sys­tems der Straf­ver­tei­di­gung sind Er­kennt­nis­se des Pro­jekts: 1. Straf­ver­tei­di­gung ist Staats­kri­tik. Das folgt aus dem eman­zi­pa­to­ri­schen Ide­al von kri­ti­scher Sys­temtheo­rie als „Sta­bi­li­sie­rung nor­ma­ti­ver Wi­der­stän­dig­keit in pra­xi“ (Fi­scher-Les­ca­no). 2. Straf­ver­tei­di­gung ist Ver­tre­tung der In­ter­es­sen des Man­dan­ten. Ge­ra­de hier­in kommt ih­re eman­zi­pa­to­ri­sche, wi­der­stän­di­ge Sei­te durch ein ef­fek­tiv-kämp­fe­ri­sches Ein­tre­ten für die Be­lan­ge des Man­dan­ten, nicht zu­letzt auch in Kol­li­si­on mit den Jus­ti­z­or­ga­nen, zum Aus­druck.

Die­se bei­den Merk­ma­le ei­nes kri­ti­schen Sys­tems der Straf­ver­tei­di­gung sind bis­her am kon­se­quen­tes­ten in ei­nem Ver­ständ­nis des An­walts als „Rechts­hel­fer so­zia­ler Ge­gen­macht“ (Holt­fort) be­schrie­ben.

Die bis­he­ri­gen Er­geb­nis­se wur­den im Be­richts­zeit­raum in sechs Ein­zel­ver­öf­fent­li­chun­gen prä­sen­tiert (zu­letzt Ar­nold, ZIS 2017, 621–628). Der Ab­schluss des Pro­jekts er­folgt durch Ge­samt­pu­bli­ka­ti­on. 2015 wur­de das Pro­jekt „Eu­ro­päi­sche Straf­ver­tei­di­gung – Der Straf­ver­tei­di­ger in trans­na­tio­na­len eu­ro­päi­schen Straf­ver­fah­ren" ab­ge­schlos­sen. Bei­de Pro­jek­te er­gän­zen ein­an­der.