I. In der Ano­mie­theo­rie von Mer­ton gibt die "Kul­tur" al­len Mit­glie­dern ei­ner Ge­sell­schaft die glei­chen Er­folgs­zie­le vor, und zu­gleich dif­fe­ren­ziert die Ge­sell­schaft die Zu­gangschan­cen zu den le­gi­ti­men Mög­lich­kei­ten, Zie­le zu er­rei­chen, grup­pen­spe­zi­fisch (schich­t­ab­hän­gig). Da­durch ent­steht ein grup­pen­spe­zi­fi­scher "Druck", der zu grup­pen­spe­zi­fi­schen Ra­ten ab­wei­chen­den Ver­hal­tens führt. Für die­se Theo­rie gibt es ei­ne von Opp ex­pli­zier­te Fas­sung mit be­son­ders gu­ter Un­ter­such­bar­keit.Bei Durk­heim, dem Vor­gän­ger Mer­tons in der Ano­mie­theo­rie, gibt es ein er­lern­tes Gleich­ge­wicht aus Be­dürf­nis­sen (Zie­len) und Mög­lich­kei­ten, an des­sen Ent­ste­hung und Auf­recht­er­hal­tung we­sent­lich auch die "mo­ra­li­sche Au­to­ri­tät" des Staa­tes be­tei­ligt ist. Bei plötz­li­chen und mas­si­ven Än­de­run­gen der wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se - wirt­schaft­li­che De­pres­sio­nen oder be­deut­sa­me Kon­junk­turauf­schwün­ge - ver­sagt das auf die bis­he­ri­gen Ver­hält­nis­se ab­ge­stimm­te Re­gel­sys­tem, es kommt zu "Ano­mie", er­höh­ten Selbst­mor­dra­ten, und die "mo­ra­li­sche Er­zie­hung" muß "aufs Neue" be­gin­nen.Ge­ra­de in den Zei­ten des welt­wei­ten "so­zia­len Wan­dels" mit z.T. dra­ma­tisch stei­gen­den Kri­mi­na­li­täts­ra­ten fin­det die Ano­mie­theo­rie ak­tu­ell sehr viel Auf­merk­sam­keit.

II. Der For­schungs­stand zu den Grund­la­gen der Ano­mie­theo­ri­en er­weist sich in der Ana­ly­se als der­art un­be­frie­di­gend, daß die Haupt­auf­ga­be nicht, wie oft an­ge­nom­men, in em­pi­ri­schen Ar­bei­ten - wie z.B. der Be­wäh­rungs­prü­fung - lie­gen kann, son­dern bei theo­re­ti­schen Ar­bei­ten lie­gen muß. So ist z.B. die Be­deu­tung der ano­mie­theo­re­ti­schen Grund­be­grif­fe Zie­le, Nor­men, Mög­lich­kei­ten und Ano­mie nach wie vor recht un­be­stimmt. Auch zeigt sich, daß Durk­heims Ge­dan­ken zur Ano­mie­theo­rie im Ver­gleich zu den die Dis­kus­si­on do­mi­nie­ren­den Über­le­gun­gen Mer­tons die tiefe­re Grund­la­ge und den wei­te­ren Ho­ri­zont ha­ben und stär­ker be­rück­sich­tigt wer­den soll­ten. Bei Durk­heim er­weist sich u.a. der Gleich­ge­wichts­be­griff zu den Be­dürf­nis­sen und Mög­lich­kei­ten als theo­re­tisch sehr frucht­bar. Weit­ge­hend un­klar ist auch die Funk­ti­on der Ge­sell­schaft. Ist es für die Ent­ste­hung ab­wei­chen­den Ver­hal­tens z.B. wich­tig, ob die Zie­le, die ei­ne Per­son ver­folgt oder die Mög­lich­kei­ten, die sie für das Er­rei­chen der Zie­le hat, von der Ge­sell­schaft vor­ge­ge­ben und be­ein­flußt wur­den, oder ha­ben de­ren Her­kunft und Ur­sa­chen kei­nen Ein­fluß, so daß je­des in­di­vi­du­el­le Stre­ben und Schei­tern ano­mie­theo­re­tisch be­trach­tet wer­den kann?
Die­se und wei­te­re Grund­la­gen­fra­gen zur Ano­mie­theo­rie be­han­delt die Ar­beit auf der Grund­la­ge ei­ner em­pi­ri­schen Stu­die zum Haft­ver­lauf von ju­gend­li­chen Straf­ge­fan­ge­nen.

III. Die drei wich­tigs­ten Er­geb­nis­be­rei­che be­tref­fen die Be­wäh­rung der Ano­mie­theo­rie in der Rich­tung von Mer­ton/Opp, Prä­zi­sie­run­gen von Grund­be­grif­fen der Ano­mie­theo­rie - wie z.B. der Zie­le - auf der Ba­sis em­pi­ri­scher Er­geb­nis­se und die Ent­wick­lung ei­nes neu­en ano­mie­theo­re­ti­schen Be­zugs­rah­mens, in dem auch die Be­zie­hung des Ein­zel­nen zur Ge­sell­schaft the­ma­ti­siert wird. Mit ihm kann auch be­ant­wor­tet wer­den, daß und warum für die Ent­ste­hung ab­wei­chen­den Ver­hal­tens im Zu­sam­men­hang des "so­zia­len Wan­dels" der Um­stand über­haupt wich­tig ist, daß die Ge­sell­schaft - und nicht sonst je­mand - die Rah­men­be­din­gun­gen des Mög­li­chen für den Ein­zel­nen prägt und auch be­grenzt.